29 Juli 2014

Zwischen Fantasie und Wirklichkeit

Anne, die lange durch die Besucherleeren Räume des geschlossenen Museums geirrt war, stand nun erschöpft vor einem riesigen Gemälde. Es war ein pompöses Bild, in dessen Tiefe sie sich schier verlieren konnte. Es schien ihr, als könnte sie es betreten. Die Staffagefiguren im Vordergrund waren klein und zierlich, fast winzig, eigentlich passten sie nicht wirklich zur restlichen Bildkomposition. Die prächtige Landschaft, eingehüllt in ein diffuses Licht, lud zum Träumen ein - weit, wundersam, voller Begrenzungen und doch wiederum unendlich. Sie barg wohl manch ein Geheimnis. Hinter dem Wasserfall lag eine riesige Grotte. Sie war nicht wirklich zu sehen, doch Anne wusste, dass sie da war und weit in den angedeuteten Berg reichte. Sie trat etwas näher. Die feinen Pinselstriche des unbekannten Malers ließen die Figürchen im Vordergrund seltsam lebendig erscheinen.
Das kleine Völkchen drängte sich geradewegs aus einer Felsspalte am rechten Bildrand hervor, mit Sack und Pack, auf der Suche nach Sonne und Luft. Überdrüssig seiner langen Verborgenheit in den schützenden Bergen. Ein Zwergentreck von einem Ort zum anderen, auf der Suche nach einer neuen Bleibe - einer Heimat, die mehr zu bieten hatte als Beschaulichkeit und Sicherheit. Und nun fühlte Anne auch ihre Gedanken - im Hoffen auf eine gemeinsame Wohnstätte für das nächste Äon, waren sie entschlossen die liebliche Landschaft zu verlassen
Auch wenn hier die Bäume in den Himmel wuchsen und krautige Gewächse exzellente Sonnendächer stellten. Die Weiten und Auen, angefüllt mit Wiesenblumen, deren Duft Insekten anzogen, mit denen sie einst eine, für beide vorteilhaften Kooperation ausgehandelt hatten. Der Wind, der immer noch spürbar und doch sanft durch die Gräser streifte, zeigte ihnen vor langer Zeit den Weg. Der Aufenthalt im ungeschützten lichten Wald konnte für sie jedoch nicht von Dauer sein. Naturgewalten, wie ein kräftiger Landregen, vor dessen mächtigen Tropfen sich das kleine Volk in Acht nehmen musste oder gar Eis und tiefer Schnee im Winter, durften nicht unvorbereitet über sie hereinbrechen. Die glitzernde Grotte hinter den fallenden Wassern wurde ihr Zuflucht und eines Tages der Ort ihres langen magischen Schlafes. 
Was hatte sie nun aufgeweckt? Die sinnende Fantasie eines freimütigen kindlichen Geistes? Die staunenden Augen, welche imstande waren Wunder zu erkennen?
Erwacht in einer veränderten Welt, bleibt ihnen nun die Entscheidung im Bann der Farben zu verharren oder die kühne Flucht aus vergangener Idylle anzutreten. Sie waren und sind es noch immer - ein uraltes und mutiges Völkchen. Noch nie fürchteten sie sich vor einem erneuten Beginn. 

Und so wandten sie sich dem jungen Mädchen zu, das wie in einem Traum und doch mit wachen Sinnen die fast unmerklichen Geschehnisse in dem Gemälde verfolgte. Die Kleidung der kleinen, bunten Gesellschaft verriet dem beklommen Kind, dass diese mehrere hundert Jahre im Schlaf ihrer Erneuerung verbracht hatten. Und ihre zugewandten kleinen Gesichter zeigten deutlich, dass sie sich von ihr Hilfe erhofften. 
Anne stand Auge in Auge mit einer der winzigen Figuren im Gewand einer Marketenderin und sie spürte deren erwartungsvolles Hoffen in ihren Gedanken. Langsam streckte sie ihren Arm aus und berührte mit den Fingerspitzen das Bild. Eine weiche, doch nicht nicht mehr zu durchbrechende Erstarrung erfasste sie und mit mildem Blick verfolgte sie das seltsame Geschehen. Ohne zu zögern stiegen, eins nach dem anderen, die eben noch in der Zweidimensionalität gefangen Leutchen auf ihre Hand. Sie diente ihnen als Brücke in ein neues Leben. Sich gegenseitig stützend, reichten sie ihre Bündel und Stöcke weiter und kletterten geschickt an dem hilfreichen Menschen herab bis auf den Marmorboden des stillen Museumssaal. Nach und nach leerte sich die vordere Ebene des Gemäldes und zurück blieb nur ein verlassener Holzkarren, halb versteckt unter unter dem Blatt eines Huflattichs. Es dauerte nur wenige Augenblicke und schon entfernten sich mit einem schnellen aber leisem Trappeln kleine Füße. 
Annes Erstarrung löste sich wieder und sie sah sich um. Jedes der Figürchen war sowohl aus dem Bild verschwunden, als auch aus dem großen Ausstellungsraum. Es gab es kein buntes Huschen mehr, kein Wispern oder Rascheln - verflogen das Ganze wie ein Tagtraum. 
Das Mädchen sah auf ihre Uhr - es waren nur wenige Minuten vergangen und so wandte sie sich ab, um weiter nach dem Ausgang zu suchen. Die Müdigkeit war verschwunden und ihre Beine wieder leicht, so eilte sie frohen Herzens von Saal zu Saal, angetrieben von dem Gedanken, dass sie die einzige war, die das wundersame Geheimnis kannte: das Kleine Volk ist in die Welt der Menschen zurückgekehrt...


 Stephanie Ursula Gogolin - kleine Fingerübung von 2011
.

26 Juli 2014

null und nichtig


...seit neustem bin ich auf FB in einer Gruppe, die nennt sich „Nichts“. Das fand ich witzig und so habe mich gleich um Aufnahme beworben. Und nach dem ich dort auch einen nichtigen Spruch gepostet habe, lässt mich das Nichts um das Nichts nicht mehr los...

Das so vielfältig schillernde NICHTS ist den meisten seltsamer Weise sehr gut bekannt. Einigen aus ihren unterschiedlichsten Selbstversuchen, anderen beispielsweise aus Der unendlichen Geschichte. Dort ist das 'Nichts' ein grausames Ereignis, dass Stück für Stück das wunderbare Phantasien verschlingt – aber, keine Sorge, es eilt, wie es in der Literatur üblich ist, ein Retter herbei. Ein Junge bringt mit seinen fantasievollen Wünschen das Land erneut zum erblühen. Ich hoffe inständig, dass sich alle kleinen und großen Mädchen auch dessen bewusst sind, dass sie jederzeit ebenfalls ein Phantasien schaffen können ... also, ich werde nicht müde es ihnen zu sagen!
Das sogenannte Nichts ist somit eines der Tore, durch das wir unsere innere Welt betreten können und gleichzeitig ist es ein Portal zu den Gefilden, die gern als Anderswelt beschrieben werden. Das Nichts kann eine Art Brennglas sein, das unsere Sinne fokussiert - wir sehen, hören und fühlen mehr ... die Welt um uns wird dichter und gleichzeitig lichter... sie wird bunter, lebhafter und ebenso stiller und tiefer.
Das 'Nichts' hat erstaunlich viele Fassetten und dafür, dass es quasi nicht existent ist, finde ich diesen Umstand außerordentlich bemerkenswert. Eigentlich ist das Nichts eben absolut Nichts - so wie die Null eine Zahl ohne Wert ist. Aber und auch das beachtenswert, ohne die Null können wir auch keine Zehner, Hunderter, Millionen schreiben.
Das Nichts ist eine nicht bestimmbare Größe, in der wir uns ergehen können, mit und in ihr tun oder lassen was wir wollen. Andererseits ist Nichtstun verpönt. Aber was bedeutet es 'nichts' zu tun? Und wo kommt der schlechte Ruf des Nichtstun her?
Na? ... Aha … siehste, das ist es … wir sind erfolgreich dressiert worden und so haben wir wie es scheint, im Blick auf unser persönliches Sein nicht selten eine verschobene Wahrnehmung und oft auch ein völlig falsches Bild vom NICHTS und vom TUN. Ein Nichts-Tun gibt es nicht.
So wie es in Wirklichkeit das „Nichts“ nicht gibt. Es ist immer etwas da und es findet immer etwas statt, in unserer materiell- und energetisch-durchdrungenen Welt. Es ist eine Frage der Wertung bzw. der Bedeutung und was wir als beachtenswert oder als nichtig, für unsere Handlungen, Denkweisen oder Gefühle, halten.
Wenn ich sage: ich tue nichts, heißt das noch lange nicht, dass ich tatsächlich nichts tue – denn dann wäre ich tot. Und selbst da... wer weiß...
Das Leben 'tut' immer etwas - seit dem Moment, da es begonnen hat zu existieren. Und auch wir sind stets eins mit unseren inneren, vegetativen Abläufen, so wie wir uns unbewusst auf die lebendigen, selbsttätigen Automatismen in unserem Körper verlassen. Auch unser Geist ruht nie wirklich.
Unsere sinnliche Wahrnehmung ist immer aktiv. Selbst wenn wir vermeintlich nichts tun, kreisen wir mehr oder weniger aktiv in unserem inneren Kosmos. Was also ist dieser Begriff des Nichts? Er erscheint uns so plausibel, wir begegnen ihm überall - er ist und doch so wenig greifbar.
Seit unserer Geburt sind wir in eine Art 'sozialen Kollektivvertrag' eingebunden. Ohne unsere menschliche soziale Einbindung, die unserer Spezies eigen ist, hätten wir unsere ersten Tage nicht überlebt. Die soziale Gruppe ist ein Teil von uns, immer! Da gibt es kein Nichts, darf es nicht geben, zum gedeihlichen Heranwachsen des Einzelnen und zum Wohle aller.
Zwar suggeriert unser modernes Dasein manch einem, dass er gut ohne andere auskommt und niemanden wirklich braucht, doch benutzt er ohne groß darüber nachzudenken die Wasserleitung, das Stromnetz, die Abwasseranlage, die öffentlichen Verkehrsmittel, geht in all den kunterbunten Shoppingparadiesen einkaufen und hat einen Arbeitsplatz, an dem er für all das, das notwendige Geld verdient. Der (modere) Mensch partizipiert ständig von der Existenz und der Arbeit aller anderen, ohne dass diese essentielle Abhängigkeit als solche permanent thematisiert wird. Da der Großteil dieser benötigten Gütern und Dienstleistungen meist anonym bereitgestellt wird, nimmt es so mancher nicht nur selbstverständlich hin, es scheint ihm auch wie aus dem Nichts zu kommen.
Das Nichts ist eine Illusion ... es ist das Phänomen, das Existenz und Nichtexistenz in sich vereint und ab und zu brauchen wir einfach eine Priese von diesem NICHTS, damit uns die deftige Wirklichkeit nicht umhaut...


.

25 Juli 2014

tanzen im Saal - Kindheit die Siebte

... es ist doch nicht so leicht, den Vorsatz durchzuhalten, täglich zu posten. Manchmal kommen schlichtweg Termine des Alltags dazwischen, persönliche Befindlichkeiten oder das Hirn ist leer, wie ein frisch gefegter Tanzsaal nach einer Kirmes.
Wie komme ich denn auf den Vergleich?
Aja, es ist wieder einmal ein Kindheitserinnerung. Für mich war es einst das Tollste in den leeren Saal zu schleichen und dort auf dem glatten, kunstvoll verschachtelten Parkett allein zu tanzen. Der Saal gehörte zu den Gebäuden des Dorfgasthauses, in dem wir, wie schon erwähnt, eine kleine Wohnung in einem Seitentrakt bewohnten.
Meine Hausschuhe hatten alle eine Zeitlang ständig vorn durchgestoßene Stellen, weil ich, wo ich ging und stand, Spitzentanz übte. Das muss sehr putzig ausgesehen haben mit meinen meist molligen, karierten Hausputschen. Ich fand es toll leichtfüßig auf meinen Zehenspitzen vor mich hin zu tanzen und war ich barfuß, blieb mir immer noch die Halbspitze. Kindern ist es, glaube ich, egal wie sie dabei aussehen, wenn sie sich nach einer, manchmal nur inneren, Musik bewegen wollen. Ich frage mich heute, wo ich meine Vorbilder herhatte. Aus Kinofilmen wahrscheinlich, die mir schon kleinerweise zugänglich waren. Einen Fernseher gab es nicht in meinem Kinderleben und eine Ballettaufführung auf einer richtigen Theaterbühne habe ich erst viel später gesehen.
Ich liebte es in dem Saal herum zu stöbern. Meine Mutter hat ihn oft genug geputzt und war ich immer dabei, wenn es die Gelegenheit erlaubte.
An der hinteren Wand des Saales gab es eine Bühne, wie damals in fast jedem Dorfgasthaus. Demgegenüber hing eine, mit Fenstern versehene, Empore über dem Eingangsbereich und der Theke. Eine schmale düstere Treppe, die mir gruselig erschien, führte nach oben. Aber dann war es für mich jedes mal erhebend von da das Geschehen auf der Bühne zu verfolgen.
Kirmestanz oder andere Veranstaltungen fanden meist an den Wochenenden statt. Und später, als ich selbst ein Schulkind war, diente der Saal unter der Woche als Turnhalle, was aus meiner Sicht seinem besonderen Zauber sehr geschadet hat.
Aber als ich klein war, wurde auf der Bühne des Saales Theater gespielt, Schulaufführungen, Laienspiel und ähnliches. Manchmal gastierte auch ein Chor oder eine andere darstellende Truppe. Am lebhaftesten sind mir noch die Marionettenspiele, die mehrmals stattfanden, im Gedächtnis. Es wurden Märchen und Sagen vor bunten Kulissen aufgeführt, so zum Beispiel die Geschichte von der Heiligen Genoveva. Es ist schon erstaunlich, was so Anfang der fünfziger Jahren noch möglich war und ich fand es einfach nur wunderbar - anfangs waren die kunstvollen Puppen fast so groß wie ich, bis ich über sie hinaus gewachsen bin. 
Von den Geschichten habe ich damals meist nicht viel verstanden, aber die Genoveva war sehr lieblich in ihrem himmelblauen Seidenkleid und dem goldenen Stirnreif, auch wenn sie sich ein wenig hölzern und eckig über die Bühne bewegte. Genoveva habe ich viele Jahre später in Lübeck im Marionettenmuseum wiedergesehen. Ich bin überzeugt davon, dass es genau die Puppe aus meiner Kindheit war - wir lagen uns weinend in den Armen, bildlich gesprochen.
In all den Jahren hatte ich immer mal wieder die Gelegenheit den Saal für mich allein zu haben. Die Bühne, mit dem schweren, dunkelroten Vorhang, die Ecken und Nischen und die mir damals riesig erscheinende Tanzfläche. Nur wenige Augenblicke dort herum zu hüpfen, Pirouetten zu drehen, mich im Takt einer unhörbaren Musik zu wiegen und in eleganten Posen zu ergehen, konnten mich für Tage glücklich machen.

.

22 Juli 2014

leseprobe aus "jetlag"

Der Alte bewegte sich gemessen. Unter seinem Arm klemmte ein dünnes großformatiges Buch, in seinen Händen trug er ein silbernes Tablett, das er jetzt auf den Tischchen im Erker abstellte.
"Setzen Sie sich! Ich habe eine wichtige Quelle mit gebracht. Eines der Haushaltsbücher aus dem Zeitraum. Da wollen wir doch mal sehen. Ach ja, bedienen Sie sich bitte."
Das war mehr als ich in diesem Gemäuer bisher gewohnt war. Ich nahm auf den mir bekannten Stühlen Platz, die noch genauso zierlich und makellos vor den Damastvorhängen standen, wie ich sie kannte. Die Bezüge schienen nur etwas abgewetzter. Auf einem der Stühle hatte ich erst vor ein paar Tagen, die eigentlich fast 200 Jahre zurück lagen,  gesessen. Nur ganz kurz, als wir, Minna und ich, im Zuge der Vorbereitung des hohen Besuchs auch die Bibliothek gründlich entstauben sollten. Da Minna jedoch wusste, dass in all der zur Zeit herrschenden Aufregung niemand unsere Arbeit kontrollieren würde, wedelten wir nur oberflächlich mit den Federbüscheln herum. Minna zog aus einem der Regale ein paar Bücher heraus und ließ sie, mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Boden fallen.
„Oh je, die schönen Bücher!“ Ihr Lachen strafte die Verzweiflung in ihrer Stimme Lügen. Dann hockte sie sich hin, blätterte in allen herum und sah sich die prächtigen Illustrationen an. 
„Ach sieh nur, der schöne Prinz“, seufzte sie. Ich setzte mich derweil mit einem antiken Band in die Erkernische. Handgeschrieben, mit feinen Blütenranken verziert und in helles Leder gebunden, schien es eine Art Tagebuch zu sein. Ich las und tat dabei, als bewundere ich nur die Handschrift. Es tat gut, sich zwischendurch einmal hinzusetzen. Außerdem fehlte mir als Dienstbotin hier im Tagesablauf die intellektuelle Herausforderung. Am Abend fiel ich zwar meist todmüde ins Bett, aber die immer gleiche Routine eines Zimmermädchens, ging mir auf den Zeiger. Wie sehnte ich mich manchmal nach der Reizüberflutung meiner Zeit. Ich hatte noch nicht gelernt, die verinnerlichte Hektik des 21. Jahrhundert abzulegen. 
Den lieben langen Tag auf den Beinen sein und ständig emsig die Hände rühren, wie Hanna, die Königin der Küche, immer zu sagen pflegte, war ich einfach nicht gewohnt. Der stets geregelte und beschauliche Ablauf der vergangenen Epochen verband sich mit ständiger, allerdings meist geruhsamer, Tätigkeit. Minna blickte missbilligend auf: "Du kannst dich doch nicht setzten, was wenn Karl hereinkommt?"
"Du sitzt doch auch!"
"Ich hebe nur die Bücher auf, die dir beim Putzen aus dem Regal gefallen sind!" Und dabei nickte sie huldvoll wie Prinzessin Agathe es zu tun pflegte. 
Meine Gedankensprünge in die Vergangenheit wurde je unterbrochen.
Der Kastellan Böttcher, wie er sich selbst vorstellte, nahm jetzt auf dem anderen Stühlchen, mir gegenüber, Platz. Bestimmt setzte er sich meinetwegen an diesen romantischen Verweilplatz. Ich blickte ihm forschend und wie ich hoffte, unauffällig ins Gesicht. Ich versuchte eine Ähnlichkeit zu erkennen, denn er sprach, erinnerte er mich schon sehr an Karl.
"Leben Sie schon lange hier?" fragte ich unvermittelt. Er sah mich erstaunt über seinen Brillenrand an.
"Ich meine, Sie passen so gut hierher"  Ich war schon wieder dabei mich um Kopf und Kragen zureden.
Der alte Herr lächelte nachsichtig: "Meine Familie lebt schon mehr als zweihundert Jahre hier und irgend ein Vorfahr hat immer auf dem Schloss gedient."
Am liebsten hätte ich geheimnisvoll geantwortet: "Ich weiß!", aber ich biss mir auf die Zunge und nahm einen Schluck von dem angenehm warmen Tee, dessen Geschmack mich an vorgestern erinnerte.
Der Kastellan begann in dem mitgebrachten Buch zu blättern. "So, da wollen wir mal sehen, ob wir fündig werden."
Ich schielte auf die Seite ...  3 Fund Zuckerle für gnädig. Herzogin 1 Taler ... stand da in steifen Buchstaben. Süßigkeiten für einen Taler, wow, Ihr Durchlaucht sich begnügte sich eben nicht nur mit den Törtchen und gefüllten Strudeln der Mamsell. 
"Das Ausgabenbuch. Hier hat die gute Hanne alles gewissenhaft notiert", sagte mein Gegenüber, als würde er sie persönlich kennen, dabei war ich hier die einzige wirkliche Kennerin. 
"Hanne war in jener Zeit die Köchin und Beschließerin des Jagdschlosses." 
Und beinahe hätte ich schon wieder fast gesagt: Ich weiß!
Er blätterte weiter: "Wenn wir uns die Einkäufe so ansehen, weilten die Herrschaften wohl von Ende März bis Anfang Oktober hier auf Schloss Rabengrund. Oh, sieh an, das ist mir ja noch nie aufgefallen, da gab es eine Beerdigung!"
Ich erschrak, wer würde wohl aus der herzoglichen Familie das Zeitliche segnen, doch wohl nicht das Prinzesschen? Aber dann überfiel mich ein noch gruseliger Gedanke. Was sagte der gewissenhafte Kastellan und Hobbyforscher? Im Haushaltsbuch der guten Hanne gab es einen Eintrag, den er bisher noch nie gesehen hat! Habe ich mit meiner Anwesenheit in dieser Epoche doch die Ereignisse verändert?

(für eine Freundin)

21 Juli 2014

launig bis launisch...


gerade frage ich mich, ob nicht vielleicht launig und launisch das Gleiche ist ... schnell noch mal nach sehen - nein ist es nicht ... ich bin also gern launig, aber launisch bin ich nicht. Ich erinnere mich, als ich noch klein bzw. jung war, wurde auch mir manches Mal nachgesagt, ich wäre launisch ... dabei ging es mir vielleicht gerade nur nicht gut oder ich wurde wieder einmal nicht gehört und bekam vor lauter Frust 'schlechte Laune'.

Launisch sein ist ein Zustand, den man selten selbst bei sich diagnostiziert. Die „eigenen Launen“ fallen einer meist gar nicht auf. Dafür reagiert unser Umfeld auf unsere sogenannten Launen. Und das führt oft genug dazu, dass das liebe Umfeld uns noch mehr unter Druck setzt oder ganz und gar ablehnt, besonders für Kinder schwer zu ertragen und zu begreifen. Empathie kommt jetzt erst langsam wieder in Mode...

darüber hinaus ist meine Meinung dazu, wenn sich eine selbst für launisch hält, dann hat man es ihr eingeredet. Launisch, unbeständig, unzufrieden, mürrisch, wechselhaft, kapriziös - es gibt eine Menge Bezeichnungen für die, andere störenden, Gemütszustände und das meiste davon wird Frauen nachgesagt. Dabei sind es doch nur unterdrückte Emotionen. Das was als "Laune" bezeichnet wird, ist nämlich nichts weiter, als eine zurückgehaltene Gefühlslage, die sich durch Übersprunghandlungen, seltsames Verhalten oder genervte Reaktionen dann doch Bahn bricht und so an die Umgebung Signale sendet...

wenn ich mich nicht so geben kann wie ich möchte, bekomme ich "schlechte Laune". Mein Befinden ist dadurch gestört und oft sogar nachhaltig. Wenn ich nicht so sein darf wie ich bin, wenn die Fremdsteuerung wieder einmal mein Leben übernommen hat und trotzdem sich alle um alles andere kümmern, nur nicht um das Befinden ihres Mitmenschen, dann kann 'launisch sein' auch zum Dauerzustand, zur Masche, werden.

Darüber hinaus wurden und werden Frauen immer noch darauf trainiert, sich (an allem) die Schuld zu geben - „sieh doch erst mal wo deine Anteile liegen“, ist immer noch ein beliebtes (esoterisches) Programm...
'launisch sein' ist kein willkürlicher Akt. Wenn plötzlich die Stimmung umschlägt, gibt sehr wohl auch einen Grund - es ist die Folge von (unterschiedlichsten) Beeinträchtigungen. Dieser Grund ist nicht immer einfach zu erkennen und wie wir wissen, es geschieht nie absichtlich, sondern hier handelt es sich um eine (innerkörperliche) Reaktion auf Energien, die uns umgeben und die somit in unseren Gesamt-Körperhaushalt eingreifen. Aber auch körpereigene Zustände können auch zu einem "Witterungsumschwung" führen - wie eine blöde Hormonlage oder Krankheitssituation ... und da sind erst recht keine Vorwürfe angebracht, weder durch einen selbst, noch durch andere... Empathie und Zuwendung sind angesagt.

"Was die Welt zusammenhält sind Felder, Energiefelder..." und innerhalb und durch diese, sind wir mit allem Lebendigen vernetzt. Das Individuum einer jeden Art folgt immer zwei Lebensimpulsen – dem Selbsterhalt, der wiederum den Arterhalt möglich macht und so die jeweiligen Wesenheiten weiter existieren lässt. Das Bindungs- und Beziehungsgeflecht in das wir, besonders wir Menschen, vom ersten Moment unseres Seins eingebunden sind, sorgt auch für unsere 'Laune'. Das was gemeinhin als Launen bezeichnet wird, ist durch unsere (unbewussten) Empfindungsabläufe initiiert ... genau genommen gibt es keine Launen, im Sinne von unberechenbaren und als störend angesehenem Verhalten ... denn ... es gibt für alles einen Grund ... und wenn wir uns nicht die Mühe machen wollen oder können, die 'Launen' der anderen zu ergründen, müssen wir sie halt hinnehmen oder besser noch, einfach mal nach dem Befinden fragen ... Härte zeigen war gestern ... heute leben wir im Zeitalter (der Entdeckung) der Empathie... 

zum Thema 'Launen' siehe auch Freundinnenblog...


19 Juli 2014

Wetterbericht II

... 13.00 Uhr ... Sonne strahlt gnadenlos (die Wetterseite nennt das "Heiter") ... 31°C (soll sich noch steigern) ... 1016,5 hPa (oha, der Luftdruck fällt langsam) ... Luftfeuchte 40% (noch staubt es nicht) … es ist immer noch Sommer ...

Heute begebe ich mich wieder auf die Heimreise... über 30°C und dann im Auto vier Stunden auf der Autobahn... so gern ich solche Strecken fahre, heute habe ich etwas Bammel... aber immer noch besser als auf einem Kamel in der Wüste ... oder? Eigentlich dachte ich mir, ich fahre in die Abendkühle, aber mit kühl wird es wohl nichts... auch Zuhause erwarten mich mind. 29°C... aber vielleicht gibt es unterwegs ein Gewitter ... im Auto bin ich hoffentlich sicher ...
.

17 Juli 2014

Der Sinn des Lebens...


oder die Sehnsucht nach dem höheren Sein...

Sinnsuche ist uns Menschen eigen und eine der Triebfeder unserer Existenz - so scheint es. Ein Dasein, das morgen schon abrupt enden kann, ist manchen bei weitem nicht genug. Oder ihnen dünkt, das Leben ist ein Spiel und das kann schnell vorbei sein. Selbst in unserer heutigen Zeit, da die Durchschnittsbevölkerung ein hohes Alter erreichen kann, wird das Leben als kurz angesehen. Da muss unbedingt eine Verlängerung her. Bis wir als Einzelperson unsere Gegenwart auf Erden richtig durchschaut und halbwegs im Griff haben, ist unsere Spanne an Zeit ja auch fast schon wieder um.
Dabei wollten wir doch noch so viel tun und lernen und uns verbessern und vervollkommnen. Vielleicht fiel uns endlich die entscheidende Erkenntnis zu und nun fehlen uns die Jahre und die Gelegenheit oder die Kraft diese für unser Dasein sinnvoll anzuwenden.
Da braucht manch einer einfach mehr Zeit und nicht etwa nur ein paar Minuten Nachspielzeit, sondern am besten eine Möglichkeit alles nochmal und nochmal zu wiederholen, quasi solange zu reinkarnieren, bis das perfekte Sein für uns dabei herauskommt. Die christliche Vorstellung feuert den Menschen an, sich mittels Tugendhaftigkeit während seiner Erdenspanne den himmlischen und damit ewigen Lohn zu verdienen. Blöd ist nur, wenn man dann trotzdem in der Hölle landet. Daher ist vielen die Variante des abgeschlossenen Jenseits zu
unsicher und daher zu unattraktiv. Die Menschenseele möchte mindestens eine zweite Chance, noch besser mehrere.
Das Hoffen auf eine unendliche Abfolge von zu korrigierenden Variationen des eigenen Seins, eine Art Lebenszeitschleife meines höheren Selbst, ist eine der beliebten Lösungen. Diese Vorstellung beruhigt das Menschenwesen, das inzwischen weiß, dass es nicht perfekt ist, dass vieles schief gehen kann und dass nicht jeder Einzelne ein langes und erfülltes Leben genießen kann. Ein für alle mal nur ein Leben zu haben ist für keinen ein leichter Gedanke.
Unser Geist erschafft, erforscht, gestaltet unzählige Vorstellungen von möglichen Seinsstufen in den wir uns virtuell bewegen, unabhängig von der realen Welt in der sich unsere körperliche Manifestation bewegt. Da lassen wir unsere materielle Hülle im Alltagstrott oder in leidvollen Zuständen einfach zurück und träumen uns eigene Welten und bewegen uns in phantastische Räume und Imagination. Und wenn wir darüber schweigen, wird nie ein anderer Mensch je davon erfahren.

Das Mysterium 'Leben' selbst ist eine gigantische vielfältige Kraft, die wächst und wächst, sich variiert aber nie wiederholt. Es gibt, soviel ich weiß, keine Schablonen oder Matrizen, die immer Gleiches hervorbringen, es ist bestenfalls ähnlich. Es gibt keine identischen Lebewesen oder vollkommene Kopien. Für mich ist es ein faszinierender Gedanke, dass jedes Lebewesen, klein oder groß, ein absolutes Unikat ist. Bei all der Artenvielfalt und -ähnlichkeit auf unserem wunderbaren Planeten sind doch alle als Individuum einzigartig.
Aber trotzdem sind wir, als Menschen und so ist es auch bei anderen Arten, niemals "Einzelkämpferinnen". Viele Arten leben in mehr weniger großen und in mehr oder weniger geschlossenen Verbänden und darüber hinaus sind alle symbiotisch in dem sich selbst organisierenden und balancierenden Ökosystem miteinander verbunden. Und die viele Jahrtausende zurückreichende lebendige Komplexität, die wir in jeder Zelle tragen, führt zu Nachkommen und diesen reicht der Mensch auch sein erworbenes Wissen weiter.
Unseren Erdball überzieht ein fantastisches lebendes Gewebe, in einzigartige Schönheit und geheimnisvoller Varianz. Ein Phänomen, dass uns immer wieder wie ein tiefer Zauber anmutet und doch nichts weiter ist, als der Impuls des Lebens, der sich einst vor langer Zeit in Gang gesetzt hat.
Dieser Lebens- und Arterhalt ist mir persönlich eigentlich als das wirkliche 'Höheres Selbst' genug. Ich bin Teil eines überwältigend großen Ganzen und transportiere mein mir anvertrautes, von den Ahninnen überliefertes Potential und das von mir erworbenes Sein durch die Zeiten...
das muss nicht immer gut gehen, so wie wir Menschen es immer wieder hoffen, denn wie sagte auch schon Erich Kästner:


„Wird's besser? Wird's schlimmer?“, fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.


.

Wetterbericht


... Sonne strahlt ... 27°C ... 1020,8 hPa ... Luftfeuchte 43% … es ist Sommer...